Wachstumsregion ohne einheitlichen Tarif Neues 365€-Schülerticket für Hessen: Guter Anfang, aber weiterhin mangelhafte Zusammenarbeit zwischen Verkehrsverbünden in der „tariflichen Grenzregion Starkenburg“

Pressemitteilung des PRO BAHN-Regionalverbandes Starkenburg

Die Odenwaldbahn mit zwei Nahverkehrstriebwagen im Bahnhof Groß-Umstadt-Wiebelsbach. Wiebelsbach in der Grenzregion zwischen RMV und VRN mit unzureichenden Tarifregelungen, auch beim neuen Schülerticket für Hessen.

Die Odenwaldbahn mit zwei Nahverkehrstriebwagen im Bahnhof Groß-Umstadt-Wiebelsbach. Wiebelsbach in der Grenzregion zwischen RMV und VRN mit unzureichenden Tarifregelungen, auch beim neuen Schülerticket für Hessen.

Zum Schuljahr 2017/2018 soll landesweit in Hessen das Schülerticket zum Preis von 365€ eingeführt werden.1 Hierdurch besteht die Möglichkeit für die Schüler, den gesamten Nahverkehr in Hessen ein Jahr lang zu nutzen. PRO BAHN Starkenburg e.V. begrüßt dies ausdrücklich, da damit den bislang überteuerten und im Vergleich zu anderen Verbünden räumlich erheblich eingeschränkten Angeboten des RMV nun ein attraktiveres Angebot für den Geldbeutel der Eltern und den Aktivitätsraum der Schülerinnen und Schüler zur Verfügung steht.

Allerdings kann es nicht nur bei dieser kleinen Neuerung bleiben, fehlen heute doch nach wie vor weitere zielgruppenspezifische Tarifangebote, die die verantwortlichen Aufgabenträger in anderen Segmenten noch neu- bzw. weiterentwickeln müssen:

So vermisst PRO BAHN beispielsweise preisgünstige Angebote für Einzelreisende: Das Hessenticket, das zurzeit 35.- Euro kostet, und nur pauschal als Gruppenkarte für 5 Personen erhältlich ist, verdient im Vergleich zu den Angeboten anderer Bundesländer nicht das Prädikat „preiswert“. Die Pendants der an Hessen angrenzen Nachbarländer gibt es bereits zwischen 23.- und 30.- Euro.2 „Durch eine attraktive Preisgestaltung könnten mehr Einzelreisende für das momentan nur für Gruppen attraktive Hessenticket gewonnen werden“, findet PRO BAHN.

Weitaus größere Tarif-Baustellen gibt es jedoch insbesondere in „Grenzregionen ohne einheitlichen Tarif“, wie der Region Starkenburg zwischen den Zentren Mainz – Frankfurt – Darmstadt – Aschaffenburg – Heidelberg – Mannheim – Ludwigshafen – Worms: Es fehlt etwa die Gestaltung eines auf die Bedürfnisse der dort lebenden Menschen zugeschnittenen Übergangstarifs zwischen den Verbünden RMV, VRN, RNN und VAB3. Die Möglichkeit günstige Verbundfahrkarten „von Haustür zu Haustür“ auf Relationen, wie Darmstadt – Heidelberg, Mannheim – Frankfurt, Ludwigshafen – Mainz oder Aschaffenburg – Mainz kaufen zu können fehlt gänzlich. Auf diesen Strecken müssen bei der Fahrt vom Start zum Ziel in der Regel mindestens zwei verschiedene Fahrkarten erworben oder – wenn man bereits Dauerkunde ist – ein oder mehrere Anschlussfahrscheine ab tariflich berühmten Ortschaften, wie Weinheim-Lützelsachsen oder Groß-Rohrheim, gelöst werden. Dies widerspricht dem Verbundgedanken und ist für die Betroffenen umständlich und teuer: Auf Dauer schlägt sich diese Praxis nämlich nicht nur auf den Nerven beim Kauf zusätzlicher Karten, „obwohl man doch ein Abo hat“, sondern auch auf dem Geldbeutel der Verbraucher nieder und/oder schreckt ganz vor der Nutzung der umweltfreundlichen Alternativen zum eigenen Pkw ab. „Eine klare Benachteiligung derjenigen, die in Regionen zwischen zwei Verbünden leben und den ÖPNV nutzen wollen“, meint PRO BAHN und fordert daher die Landespolitik der beteiligten Länder Hessen, Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg erneut auf Lösungen in Zusammenarbeit mit den Verkehrsverbünden zu suchen. Dabei sollte insbesondere auf die Belange folgender Gruppen Rücksicht genommen werden:

Gäste der Region, die z.B. die „Touristische Gesamtregion Odenwald“ erkunden möchten, ohne sich mit der unübersichtlichen Angebotsvielfalt der Verbundorganisationen auseinandersetzen zu müssen. Vorbilder für die Umsetzung einer Tarifkooperation gibt es zu Genüge: Etwa das erfolgreiche „Bayerwald-Ticket“4 für jedermann oder die „KONUS-Gästekarte“ im Schwarzwald, welche in ihrem Namen zur „KOstenlosen NUtzung des ÖPNV für Schwarzwaldurlaber“ einläd. Eine solche aktive Form des Marketings fehlt im Raum zwischen den vielbeschworenen Metropolregionen Rhein-Main und Rhein-Neckar leider gänzlich.5

Die in der Region lebenden Menschen. Für deren Fahrwünsche sind Kreis-, Landes- oder Verbundgrenzen ziemlich egal. Wenn sich jemand dazu entschließt ein Abo für den ÖPNV zu kaufen, wird als Leistung Mobilität im persönlichen Lebensumfeld erwartet. Da ist es sehr ärgerlich, wenn man sich aus Gründen einer fehlenden Tarifkooperation zwischen Norden und Süden, also RMV und VRN entscheiden muss. In diesen Fragen liefert leider auch das neu eingeführte 365€-Schülerticket keine zufriedenstellenden Antworten.

„Es ist fast schon als Skandal zu werten, dass auch nach über 20 Jahren Existenz der Verkehrsverbünde RMV und VRN in den dicht besiedelten Grenzregionen derartige Mobilitätseinschränkungen verkauft werden. Bisher sehen wir beim Vortragen solcher Barrieren, die den ÖPNV in der Region nachhaltig schädigen, wenig Interesse oder mangelndes Problembewusstsein seitens der Politik oder der Verkehrsverbünde“, stellt PRO BAHN ernüchtert fest und sieht damit auch für die Zukunft schwarz für heutige Pendler und Leute, die gerne künftig auf den ÖPNV umsteigen würden.

„In einer Wachstumsregion, mit länder- und verbundübergreifenden Zug- und Busangeboten im Nahverkehr, sollten einheitliche Fahrscheine angeboten werden. Die Landes- und Kommunalpolitik in der Region tut gut daran, für eine solche sinnvolle Lösung zugunsten ihrer Bürgerinnen und Bürger, sowie Gästen der Region engagiert einzutreten, wenn sie ihren ÖPNV glaubwürdig vermarkten will“, so PRO BAHN abschließend.

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